Wohin sich p2d2 entwickelt
p2d2 ist ein Werkzeug, das mit der Gemeinschaft wächst, die es nutzt. Die technische Basis steht - der Weg von einem Einzelprojekt zu einer gemeinsam getragenen Infrastruktur ist das eigentliche Zukunftsziel.
Das Doppelhelix-Prinzip als Kern
p2d2 verbindet zwei unabhängige Datenhaltungen: kommunale Verwaltungsdaten, die aus Fachverfahren stammen und über Open-Data- oder Geodaten-Portale bereitgestellt werden, und OpenStreetMap, die von einer weltweiten Gemeinschaft gepflegt wird. Diese Doppelhelix-Struktur ist kein technischer Zufall, sondern bewusstes Design.
Indem p2d2 beide Datenstränge gleichberechtigt nebeneinanderstellt und ihren Abgleich organisiert, entsteht ein Level Playing Field: Verwaltung, Bürgerinnen und Bürger sowie wirtschaftliche Akteure arbeiten an denselben Daten mit denselben Werkzeugen. Wirtschaftliche Akteure haben ein Eigeninteresse an der Datenpflege, vergleichbar mit der Dynamik, die den Linux-Kernel antreibt. Das verleiht dem System eine Eigendynamik, die über die Projektlaufzeit hinaus wirken kann.
Die Analogie zur DNA trägt allerdings weiter, als es auf den ersten Blick scheint. In der Natur ist DNA nicht nur der stabilste Datenspeicher, den die Evolution hervorgebracht hat - sie ist auch derjenige, der Weiterentwicklung ermöglicht. Die gegenseitige Kontrolle der beiden Stränge sorgt für Stabilität: Ein Fehler in einem Strang fällt auf, weil der andere Strang ihn nicht bestätigt. Gleichzeitig sind es genau die kontrollierten Abweichungen zwischen den Strängen, die biologische Weiterentwicklung erst möglich machen. Ohne diese Abweichungen gäbe es keine Anpassung an veränderte Umgebungen.
Übertragen auf p2d2 bedeutet das: Die beiden Datenstränge (Verwaltung und OSM) korrigieren sich gegenseitig - das schafft Stabilität. Aber jeder Strang kann sich auch unabhängig weiterentwickeln. Die Verwaltung kann neue Daten aus Fachverfahren einspielen, ohne auf die OSM-Community warten zu müssen. Die OSM-Community kann aus eigener Ortskenntnis ergänzen und korrigieren, ohne auf eine Genehmigung der Verwaltung angewiesen zu sein. Das Ergebnis ist ein System, das stabil ist, weil es Fehler erkennt, und gleichzeitig anpassungsfähig, weil beide Seiten eigenständig handeln können. Das ist der entscheidende Vorteil gegenüber einer zentralen Datenhaltung, die entweder stabil oder flexibel sein kann, aber selten beides.
Civitas Core als Multiplikator
Die mittelfristige Perspektive ist, p2d2 als Plugin für Civitas Core zu integrieren. Civitas Core ist eine kommunale Open-Source-Datenplattform, getragen von Civitas Connect e.V. mit über 50 Städten, Gemeinden und Stadtwerken und gefördert durch das ZenDiS. Die Plattform verfügt über vielfältige Module für kommunale Verwaltungsprozesse, hat aber keinen GIS-Editor, der Bürgerinnen und Bürgern eine aktive Beteiligung an der Geodatenpflege ermöglicht.
Genau diese Lücke schließt p2d2. Als Plugin eingebunden, könnten kommunale Mitarbeitende und Bürgerinnen gleichermaßen über den OSM-Kanal an der Pflege öffentlicher Geodaten mitwirken. Die derzeitige Authentifizierung (Zitadel) soll dafür auf den Keycloak-Stack von OpenDesk und Civitas Core migrierbar sein, sodass p2d2 nahtlos in die vorhandene Identitätsinfrastruktur eingebunden werden kann.
Bürgerbeteiligung als Designprinzip
Klassische Verwaltungsportale veröffentlichen Daten - sie laden zum Betrachten ein, selten zum Mitmachen. p2d2 geht einen anderen Weg: Bürgerinnen werden zu aktiven Datenproduzenten. Der Qualitätsicherungsprozess ist so gestaltet, dass Community-Feedback strukturell in den Datenfluss integriert ist - kein Kontaktformular, sondern ein echter Review-Kanal mit Rechten und Rollen.
Der Prozess durchläuft mehrere Stationen: von der Bearbeitung über die interne Qualitätssprüfung und das OSM-Community-Feedback bis zur Freigabe. Die interne Prüfung und das Feedback aus der Community sind gleichberechtigte Stationen vor dem Export. Das ist kein Portal, das Daten konsumiert - es ist ein Werkzeug, das Daten gemeinschaftlich produziert.
Geografischer Scope durch OSM
Weil p2d2 auf OpenStreetMap aufbaut, ist es strukturell global ausgerichtet. Es muss keine eigene Ausrollungsinfrastruktur in anderen Ländern aufbauen, denn OSM und das öffentliche Internet sind die Infrastruktur. Das eröffnet eine Perspektive, die über den europäischen Fokus hinausweist.
Insbesondere Länder des Globalen Südens könnten von einem Leapfrogging-Effekt profitieren: Statt proprietäre Lock-ins zu übernehmen, können sie direkt auf offenen, gemeinschaftlich gepflegten Standards aufbauen. Das ist eine Möglichkeit, kein Versprechen - die OSM-Datendichte ist regional sehr unterschiedlich, und der Ansatz funktioniert selektiv, nicht universell.
Von Friedhöfen zu Baumscheiben
Friedhöfe sind nicht das Ziel - sie sind der Anfang. p2d2 wurde mit dem Gedanken gebaut, dass der Prozess auf andere kommunale Objekttypen übertragbar ist. Baumscheiben, Straßenlaternen, Spielplätze, Denkmäler: Sie alle haben dieselben Eigenschaften - räumlich verortbar, öffentlich verwaltet, für Bürgerinnen relevant. Die Architektur ist bereits vorbereitet.
Was fehlt, sind Daten und die Kommunen, die bereit sind, diese Daten in das System einzubringen. Das ist keine technische Frage mehr, sondern eine organisatorische - und genau das ist der Punkt, an dem p2d2 vom Werkzeug zur Infrastruktur wird. Eine Infrastruktur entsteht nicht dadurch, dass man sie baut, sondern dadurch, dass man sie nutzt. Jede Kommune, die einen Datensatz einbringt, erweitert nicht nur das System, sondern definiert mit, wofür es steht.
Prototype Fund und europäischer Weg
p2d2 wird durch den Prototype Fund (BMBF) gefördert. Phase 1 (Konzept und Prototyp) läuft, Phase 2 (Umsetzung) ist ab Dezember 2026 beantragt. Der mittelfristige Weg sieht darüber hinaus mehrere Schritte vor:
- Gründung eines Anwendervereins - europäisch ausgerichtet, offen für Kommunen, Institutionen und Einzelpersonen, die p2d2 nutzen oder mitentwickeln wollen.
- Gründung einer europäischen Beratungsgesellschaft mit zwei Kernangeboten: Beratung beim Herausschälen offener Daten aus kommunalen Fachverfahren und deren Bereitstellung über geeignete Open-Data- und Geodaten-Portale sowie Beratung bei der Rückintegration von Daten aus dem öffentlichen Raum in Verwaltungsprozesse.
- Eine Dachorganisation setzt die Regeln für die Gemeinwohlorientierung und die Qualitätsbedingungen für Beratungsleistungen - vergleichbar mit der Rolle der OSGeo für freie Geodaten-Infrastruktur.
- Potenzielle Förderung über Horizon Europe oder Digital Europe, idealerweise im Konsortium mit kommunalen Pilotpartnern. Erste Gespräche laufen mit Kommunen in Schleswig-Holstein und Civitas-Core-interessierten Städten.
Ein Projekt im Wachstum
p2d2 ist ein junges Projekt mit einem Hauptentwickler. Die Entwicklung wird durch den Prototype Fund ermöglicht und durch KI-Unterstützung beschleunigt - das ist transparent dokumentiert und im Quellcode nachvollziehbar.
Der Weg von einem Einzelprojekt zu einer gemeinschaftlich getragenen Infrastruktur ist das eigentliche Zukunftsziel. Er erfordert mehr als Code: Er erfordert eine Gemeinschaft, die das Werkzeug annimmt, weiter entwickelt und seine Regeln mitbestimmt. Wo heute ein Prototyp steht, kann morgen ein Werkzeug stehen, das von mehreren Kommunen, einer wachsenden OSM-Community und öffentlichen Institutionen gemeinsam getragen wird. Das unterscheidet eine Infrastruktur von einem Tool.